Achte auf deinen Körper, dann bleibt er auch in Zeiten der Not dein Freund B.K.S. Iyengar. „Wenn du erwartest, noch im hohen Alter bei Kräften zu sein, wirst du es sein.“ (Deepak Chopra. Arzt.

Yoga kennt keine Alter

Yoga kennt kein Alter

 

 

 

Gerade für ältere Menschen ist Yoga ein grosses Geschenk. Keine andere Bevölkerungsgruppe profitiert mehr vom Yoga als die ältere Generation. Es vertreibt die Steifheit und Trägheit aus dem Körper und verbessert die Lebensqualität. Es ist nur schade, dass es bisher noch zu wenige Yoga Angebote speziell für ältere Menschen gibt. Und dass es leider mehr als zögerlich in Alten und Pflegeheimen Einzug hält. Daher ist der Bericht eine Aufforderung an alle, mehr in diesen Bereich zu gehen. Denn es ist einfach herzerfrischend, wie toll Yoga für ältere Menschen sein kann - und wie sehr sie davon profitieren. Denn zusätzlich zu den positiven körperlichen Voraussetzungen gewinnen sie an Lebensmut und Lebensfreude.

  Natürlich braucht man viel Geduld und Ausdauer um positive Veränderungen festzustellen. Es ist ein Yoga der kleinen Schritte. Aber es lohnt sich. Vor allem, weil ältere Menschen oft zum ersten Mal in ihren Leben Zeit haben, sich um sich selbst zu kümmern. Das  Pflegeheim in Duvenstedt, im nördlichen Hamburg, war so weitsichtig Yoga vor knapp einem Jahr zum ersten Mal anzubieten. Es war kein Problem eine kleine Gruppe zu finden, die neugierig genug war, um sich darauf einzulassen.  Und seitdem gehören Yogaübungen in diesem Seniorenheim zum festen Programm. Einmal wöchentlich trifft sich die „Yoginis“ - die aus  zehn  Seniorinnen  im Alter von 82 bis 94 Jahren besteht. Melanie Haertl ist mit 94 Jahren die älteste der Gruppe. Sie erzählt von ihren ganz normalen Altersbeschwerden. Steifheit in den Gelenken, Verspannungen im Nacken. Doch ihre Motivation war von Anfang an da. Gelesen oder gehört haben sie alle schon von Yoga. „Du bist so jung, wie deine Wirbelsäule beweglich ist,“ sagt Melanie gleich zu Beginn. Sie fällt schon von Anfang an durch ihre gerade aufrechte Haltung auf. Und ist für ihr Alter sehr beweglich - trotz ihrer „gefühlten Beschwerden“. 

Aber wie Yoga nun wirklich geht und was das genau ist, wissen die Damen nicht. Sie sind von Anfang an sehr interessiert und wissbegierig und wollen etwas Sinnvolles für sich tun. Zum ersten Mal in ihrem Leben haben wirklich Zeit für sich - im Alltag des Pflegeheims.  Statt im Sessel vor dem Fernsehen vor sich hin zu dösen, geht es nun an den Atem, an die Mobilisation der Gelenke - und auch an die „spirituelle Verbindung von Körper und Geist“. Denn gerade gegen das Altern wirkt Yoga - und oft ist das auch eine Kopfsache. Aber ältere Menschen brauchen eine bewusste und offene Hinführung zu Übungen, die den ganzen Menschen erfassen - den Körper, den Geist und die Seele. Sie wollen wissen und verstehen, warum wir die Übungen machen und was sie bewirken. 

Führende Forscher auf dem Gebiet der Geist-Körper-Medizin - belegen immer wieder die Macht, die unsere Vorstellungen vom Altern über uns haben. Die neuesten Untersuchungen zeigen, dass unsere Art und Weise, alt zu werden, mehr mit unseren Vorstellungen und Einstellungen zum Alter zu tun hat, als mit irgendeinem anderen Faktor. 

 

Doch damit haben diese älteren Yoginis nicht nicht beschäftigt. Sie haben jedoch intuitiv versucht, trotz Widrigkeiten des Lebens, eine positive Einstellung zu behalten. Und das ist mehr als bewundernswert, wenn man überlegt, was sie alles hinter sich haben.

„Wir sind die Nachkriegsgeneration, die Trümmer Ladies und das steckt uns wirklich in den Knochen,“ erzählen sie. Egal ob Bombensplitter im Hals oder die kleinen und grossen Altersprobleme. Es sind  Kriegswunden, aber auch die Last des Lebens, die ihre Schultern nach unten drückt, den Brustkorb zusammenpresst und auch die Wirbelsäule quetscht. Hinzu kommen Multiple Sklerose die Anneliese Klimt (88) und Frau Siebenhandl an den Rollstuhl fesseln. Daisy Rasmussen (91) hat Parkinson und alle andern ihre ganz normalen Altersgebrechen.

 

 „Ich wollte unbedingt Yoga machen, aber ich hatte keine wirkliche Ahnung, was das eigentlich ist und bewirkt,“ sagt Daisy Rasmussen . Sie ist mit 60 Jahren bereits an Parkinson erkrankt.  „Ich bin glücklich, dass ich durch Yoga gelernt habe, tiefer zu atmen und trotz grosser Schwierigkeiten versuche alle Gelenke zu bewegen und zu ölen.  Ganz langsam lerne ich mit jenen Bereichen meines Körpers, die nicht mehr reagieren wieder Kontakt aufzunehmen.

 Wenn meine linke Hand zu sehr zittert, versuche ich mit tiefem Atem wieder Kontakt aufzunehmen und sie zu bewegen, dass zu tun, was ich will.“ (siehe Interview)

Jede Yogastunde beginnt mit einer ausgiebigen Atemtherapie. Dabei so aufrecht wie möglich zu sitzen, um die Wirbelsäule zu strecken, fällt allen schwer. Besonders die beiden Damen im Rollstuhl neigen dazu nach vorne gebeugt den ganzen Tag auszuharren. Dementsprechend wird der Brustkorb stark gequetscht und der Atem sehr flach.

 Aber die Wirkung schon in den ersten Stunden ist enorm. Die Sauerstoffversorgung im aufrechten Sitz ist enorm grösser  und nach einem ausgiebigen Pranayama macht Anneliese Klimt im Rollstuhl manchmal ein Nickerchen. Ihr Körper entspannt und kommt zur Ruhe.  Sie empfindet es als grosse Wohltat (siehe Interview).

 Unabhängig davon geht es mit der Mobilisation aller Gelenke weiter. Auch im Sitzen kann man wunderbare Übungen machen und somit die komplette Muskulatur des Körpers trainieren. 

Die Mediziner haben seit langem erkannt, welche positive Wirkung es auf den Kreislauf, die Lunge und das Gehirn haben kann, wenn der Körper in umgekehrter Haltung der Schwerkraft ausgesetzt wird.

Das Hinunterbeugen des Oberkörpers geht  sowohl im Rollstuhl als auch im Sitzen auf dem Stuhl - und hat eine erstaunliche Wirkung auf unsere älteren Yoginis. Sie empfinden das Verharren in dieser Position als beruhigend und gleichzeitig als erfrischend.  

Die Schwerkraft zählt zu den stärksten Kräften, die den menschlichen Körper beeinflussen. Wie Pflanzen und Bäume durch das Sonnenlicht geformt werden, werden unsere Körper durch die Anziehungskraft der Erde geformt. Im Laufe der Zeit neigt der Körper dazu, am oberen Ende abzubauen und am unteren Ende zuzunehmen. Wenn wir diesen Zug der Schwerkraft nach unten umkehren, so helfen wir dem Körper, Gleichgewicht und Symmetrie zu wahren. Die Schwerkraft ist mit ein Grund, dass die Zellen und Blutgefässe des Gehirns zusammengedrückt und flacher werden. Der Dickdarm ist in besonderer Weise empfänglich für die Aufhebung der gewohnten Schwerkraft. Deshalb wirken Umkehrstellungen auch bei Verstopfungen heilsam.

Eine wirkungsvolle Position ist natürlich die Stellung des Hundes (Adho Mukha Svanasana), die wir hier im Seniorenheim bisher mit Hilfe des Abstützens auf die Stuhllehne machen. Eine schöne Dehnung in den Schultern, im Rückenbereich und in den Beinen kann trotzdem empfunden werden.  Ich glaube zwar, dass Melanie Haertl und einige andere aus der Gruppe es auch bereits auf der Yogamatte schaffen würde, aber noch fehlt das letzte Fünkchen Mut. Und beim Yoga geht es nicht um Leistung, sondern um das sichere Wohlfühlen ins einem Körper.

 

 

 

 

Wir machen in der Stunde auch jede Menge Koordinationsübungen, die auch gleich noch das Gehirn anregen. Das mögen die Seniorinnen besonders gern. Beide Hände mit ausgestreckten Armen nur in den Handgelenken gegeneinander kreisen zu lassen und dabei noch vom Atem begleitet aufzustehen ist schon eine grosse Herausforderung. Besser als Kreuzworträtsel oder Sudoku. Wobei es  gerade im Alter ungeheuer wichtig ist, seinen Körper noch besser kennenzulernen und zu lernen mit ihm zu arbeiten. Die Harmonie des Atems mit jeder Bewegung muss erst erlernt werden. Viele Übungen gleichen durchaus auch anderen gymnastischen Übungen, aber die langsame bewusste Ausführung der Asanas in Kombination mit dem Atem ist der Schlüssel - und in jeder Stunde unsere wichtigste Aufgabe. „Ich habe meinen Körper immer überfordert, weil ich mir wirklich alles aufgeladen haben und eigentlich nie zur Ruhe gekommen sind,“ erzählt Lucia Bünger (83). Sie hat zudem noch unter Bombensplittern im Hals zu leiden, die 20 Jahren nach dem Krieg durch einen Blindgänger entstanden sind.

„Ich rede nicht gerne darüber,“ sagt sie. „Ich schaue immer nur nach vorne, bin ein sehr positiver Mensch und freue mich, dass ich noch tanzen kann. Yoga ist für mich eine grosse Bereicherung. Ich lerne ohne Angst meinen Hals zu bewegen, meine Wirbelsäule zu stärken und wirklich tief zu atmen. Ich freue mich schon die ganze Woche auf die Stunde.“ 

 

 

 

 

Egal ob im Rollstuhl oder ohne - mit dem tiefen und richtigen Atmen (Pranayama) hat sich keiner bisher beschäftigt.